10.02.2012
Wirtschaftsnews


26.08.2010
Branchenhimmel bewölkt bis heiter
Wirtschaftsklima: PRISMA Vorstand Bettina Selden warnt vor zu viel Optimismus
Nach dem Gewitter im Jahr 2009 hellt sich der Himmel über der Weltwirtschaft wieder auf. Die Entwicklungsländer erholen sich rasch. Europa und USA kämpfen jedoch mit gesunkener Kaufkraft und hoher Staatsverschuldung. Warum nach wie vor Vorsicht angebracht ist, zeigt der jüngste Branchenbericht von Euler Hermes, der Konzernmutter der PRISMA Kreditversicherungs-AG.

Zweimal pro Jahr - im Sommer und im Winter - durchleuchtet Euler Hermes jeweils die wichtigsten Branchen weltweit. "Nach der Erholung in der ersten Jahreshälfte können die meisten Branchen mit einem einigermaßen positiven Herbst rechnen.", erklärt Bettina Selden, Vorstand der PRISMA Kreditversicherungs-AG. Dennoch ist Vorsicht geboten: "Unterhaltungselektronik, Bauwirtschaft und Handel müssen sich darauf einstellen, dass der private Konsum in Europa und den USA weiter stagniert." In Asien und Lateinamerika sollte die Nachfrage hingegen wieder steigen.

"Insbesondere die Baubranche kommt weiterhin noch nicht aus dem Tief." sagt Selden. "Die öffentliche Nachfrage bleibt verhalten und wegen der hohen Arbeitslosigkeit in Europa und den USA wird es kein nennenswertes Wachstum geben." In der Automobilbranche führte das Auslaufen der Verschrottungsprämien zu einem Absatzeinbruch. Die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie und die Pharmabranche erfreuen sich indes nach wie vor guter Wachstumsraten.

Erholung zeigt sich vor allem in Entwicklungsländern, allen voran China. USA und Europa leiden hingegen unter der gesunkenen Kaufkraft.
"Die Staatsschulden hängen wie dunkle Wolken über vielen europäischen Ländern.", ergänzt Bettina Selden. "Werden diese durch staatliche Ausgabenkürzungen unter Kontrolle gebracht, belastet das die Kaufkraft der Haushalte. In Folge geht der private Konsum wieder zurück - und was das für die Wirtschaft bedeutet, hat uns das Krisenjahr 2009 eindrucksvoll gezeigt."

Die Branchen im Überblick

Lebensmittelindustrie: Druck auf Hersteller steigt 

Europa bleibt der größte Markt der weltweiten Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie, gefolgt von den USA, China, Japan und Brasilien. In den Industrieländern greifen immer mehr Verbraucher zu billigeren Produkten und Eigenmarken. Der Preisdruck und die steigenden Rohstoffpreise zwingen große Konzerne, ihre Produktivität zu steigern. Eine Folge davon sind Fusionen und Übernahmen. Klein- und Mittelbetriebe müssen Strategien entwickeln, um zu überleben oder zu wachsen. Gesundheit, Wellness und Ernährung bieten weiterhin gute Chancen für Innovationen und damit höhere Preise. Auch die Entwicklungsländer bieten positive Aussichten, wenn neue Geschäftsmodelle für die Expansion entwickelt werden.

Unterhaltungselektronik: Umsatztreiber Fußball-WM

Der Weltmarkt für Unterhaltungselektronik schrumpfte in Folge der Wirtschaftskrise und der gesunkenen Verkaufspreise im Jahr 2009 um 2%. Neben japanischen Anbietern kommen zunehmend chinesische und koreanische Hersteller auf den Markt. Einen positiven Schub bewirkte die Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2010: In der ersten Jahreshälfte gab es ein starkes Absatz-Plus bei Flachbildschirmen und Blue-ray-Playern. Ein nachhaltiger Aufschwung ist erst ab 2011 wahrscheinlich. Die Haushalte in Industrieländern werden digital vernetzt, der private Massenkonsum in den Ostländern kommt auf Touren und Entwicklungsländer fragen Einsteigerprodukte nach. Die weltweite Vermarktung des iPad von Apple bringt Impulse für die Erschließung neuer Geschäftsfelder wie e-books, Elektrofahrzeuge oder e-Health Anwendungen.

Pharmazie: robustes Wachstum trotz Preisdrucks

Der weltweite Pharmamarkt (2009 auf 800 Mrd. US-Dollar geschätzt) wächst als einer von wenigen Märkten jährlich um etwa 5%. Maßgeblich dafür sind die steigende Lebenserwartung, neue Krankheiten sowie Behandlungen für bislang unheilbare Erkrankungen. Schärfere Zulassungsregeln und preissenkende Generika setzen die Branche zunehmend unter Druck. Pharmaunternehmen reagieren mit F&E-Partnerschaften, Kostenreduktionen und der Erschließung verwandter Märkte wie Tiermedizin. Bedient die Branche derzeit vor allem die Märkte der reichen Länder - in Summe weniger als ein Viertel der Weltbevölkerung - werden die Entwicklungsländer künftig zum Wachstumstreiber.

Automobilindustrie: Hoffnungsmarkt Entwicklungsländer

Die Automobilindustrie bleibt weiter ein Sorgenkind. Die Welt-Autoproduktion sank im vergangenen Jahr auf das Volumen von 2003 zurück, außer China (+ 48%) verzeichneten alle Märkte teilweise empfindliche Verluste. Erst im ersten Quartal 2010 hellte sich die Lage ein wenig auf: Die Neuzulassungen in Industrieländern stiegen leicht an und das massive Wachstum in Entwicklungsländern setzte sich fort. Wachstum ist auch in Zukunft vor allem in Entwicklungsländern zu erwarten. Der US-Markt stagniert auf niedrigem Niveau und der Markt der EU-27 ist nach dem Auslaufen der Verschrottungsprämien im zweiten Halbjahr mit einer neuerlichen Absatzkrise konfrontiert.

Automobilzulieferer müssen sich rüsten

Die Automobilzulieferer leiden unter dem geringeren Auftragsvolumen der Autohersteller. Viele große Komponentenanbieter fuhren ihre Produktionskapazitäten herunter und reduzierten strukturelle Kosten. Die Nachfrage verlagert sich von den reifen Märkten - USA, Europa und Japan - zunehmend auf Entwicklungsländer. Das Wettrennen um Investitionen in China, Indien und Südamerika erfordert finanzielle Kapazitäten, auch müssen Komponentenhersteller in neue Hybrid- und Elektroantriebe investieren. Im Jahr 2010 könnte der Markt für automotive Komponenten um 10% schrumpfen, das Absatzvolumen wird um beinahe 20% unter den Verkaufszahlen von 2007 liegen. Es wird mit Sicherheit mehrere Jahre dauern, bis das Niveau vor der Krise wieder erreicht ist.

IT-Industrie ist optimistisch

Nach dem Rückgang um 1,6 % im Jahr 2009 erholt sich der Weltmarkt für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) wieder.
Insgesamt könnte der IKT-Markt bereits 2010 wieder zu der früheren Wachstumsrate von 4% zurückkehren und ein Volumen von 3.000 Mrd.
US-Dollar erreichen. Entwicklungen wie die Glasfaser-Technologie, der Mobilfunkstandard LTE oder Facebook kurbeln die Nachfrage in Europa und Nordamerika an. Konjunkturprogramme fördern den Ausbau von Breitband-Internet. Andererseits bleibt der Preisdruck hoch, vor allem bei den Ausrüstungsherstellern. Die Branche legt einen resoluten Optimismus an den Tag: Sie hat bewiesen, dass sie sich rasch erholen kann und Wachstumspotenzial hat. Entwicklungsländer investieren gezielt in IKT-Technologien, während die Industrieländer schrittweise an Marktanteilen verlieren.

Chemieindustrie: Erholung mit Fragezeichen

Die Chemieindustrie litt 2009 unter der Rezession und dem Einbruch des Welthandels. Die verminderte Nachfrage betraf alle Produktgruppen. Viele Unternehmen reagierten mit Kostensenkungen, z.B. durch die Schließung von Werken oder Personalkürzungen. Ab Mitte
2009 sorgten die rasche Erholung in den Entwicklungsländern und der Aufschwung in Asien für eine Belebung. Dennoch ist Vorsicht angebracht. Die chemische Industrie verdankt ihre Erholung vor allem den Konjunkturprogrammen in reichen Ländern sowie der Lageraufstockung - beides kurzlebige Phänomene. Die ab 1. Dezember 2010 vorgeschriebene Registrierung chemischer Stoffe bei der Europäischen Chemikalienagentur gilt als Stolperstein für viele Unternehmen. Experten sehen frühestens 2012 eine Erholung für die Branche.

Stahlindustrie: Nachfrage aus dem Reich der Mitte

Die Weltstahlproduktion nahm nach ihrem großen Tief ab Jänner 2009 nach und nach wieder zu. Im Mai 2010 übertraf sie mit mehr als 124 Mio. Tonnen das Vorkrisenniveau. Die Zunahme kommt in erster Linie aus der Nachfrage aus China (+22% im Vergleich zum Mai 2008), während die Produktion in den USA, Europa und Japan schrumpfte. Die Preise stiegen - je nach Stahlart - um 10% bis 25%; Wenn die Nachfrage insbesondere in Europa zurückgeht, könnten die Preise in der zweiten Jahreshälfte wieder leicht nachgeben. 2010 versuchten die Stahlerzeuger vierteljährliche Preisanpassungen bei wichtigen Kunden durchzusetzen, insbesondere weil die Rohstoffpreise derzeit wieder rasant steigen. Dies wird sich vor allem auf die Autohersteller auswirken, die künftig mit kurzfristigeren Preisen rechnen müssen.

Halbleiter-Industrie verlagert sich in Asien-Pazifik-Region

Die Halbleiter-Branche hat sich nach dem Einbruch am Jahresende 2008 und dem katastrophalen ersten Quartal 2009 wieder erholt. Die Asien-Pazifik-Region ist mit 52% der weltweiten Halbleiter-Produktion der wichtigste Player. Während der Weltmarkt im Jahr 2009 um 14% schrumpfte, verlor diese Region nur 4,4% - in den ersten vier Monaten des Jahres 2010 betrug das Umsatzplus sogar 53%. Diesem Aufwärtstrend in der Asien-Pazifik-Region steht zunehmende Nervosität in manchen regionalen Märkten gegenüber. Das deutet auf eine nachlassende Nachfrage hin. Außerdem sind die Preise für Halbleiter seit Herbst 2009 gesunken, während die Preise von Rohmaterialien steigen dürften. Sollte dies eintreten, steht dem Halbleitergeschäft wahrscheinlich wieder ein Umbruch bevor. Im Gesamtjahr 2010 dürfte der Umsatz der Halbleiter-Industrie jedoch noch um 18% auf 264 Mrd. US-Dollar steigen.

Bauwirtschaft noch nicht aus dem Tief

Im Jahr 2009 schrumpfte die Bauwirtschaft in vielen Industrieländern oder brach ein. In den meisten Entwicklungsländern sanken die Wachstumsraten auf 5 bis 10%. Gefüllte Auftragsbücher für das zweite Halbjahr 2010 sind eher auf das schlechte Wetter zu Jahresbeginn als auf eine echte Zunahme des Geschäftsvolumens zurück zu führen. Die Konjunkturprogramme zur Stützung der Bauwirtschaft in Industrieländern laufen nach und nach aus. Dadurch wird das Geschäftsvolumen in vielen Ländern stagnieren oder weiter leicht zurückgehen. Insgesamt dürfte die Bauwirtschaft 2010 um 4% expandieren - mit Zuwachs vor allem im Wohnbau sowie in Entwicklungsländern. Die Branche wird bis 2012 in weiten Teilen genesen, aber einer weiteren Herausforderung begegnen: dem Preisanstieg bei Rohmaterialien, insbesondere bei Stahl. In den Entwicklungsländern wird die Bauwirtschaft weiter wachsen, gegen 2020 könnte China zum weltweit größten Markt werden.

Luftfahrt: Vorzeichen bessern sich

Im ersten Halbjahr 2010 zeichnete sich eine Erholung im Fluggeschäft ab. In den ersten fünf Monaten stiegen die Passagierzahlen (+7,2%), die Preise von Erste-Klasse-Tickets (+16,4%) und von Economy-Tickets (+7%) im Vergleich zum Vorjahr. Während Asien und Südamerika einen starken Aufschwung zeigen, erholen sich die USA und Europa nur schwach. Im europäischen Luftraum führte ein isländischer Vulkan im Frühjahr zu Ausfällen. Für aktuelle Herausforderungen - schwankende Wirtschaft, steigende Ölpreise, erforderliche Erweiterungen sowie Konkurrenz durch Billiganbieter - entwickeln Flugunternehmen unterschiedliche Strategien: Während viele Fluglinien in Asien, Südamerika und dem Mittleren Osten weiter wachsen, reagieren große westliche Flugunternehmen mit Preisnachlässen, unternehmenseigenen Billigfluglinien, Flottenerneuerung sowie dem Ruf nach staatlicher Hilfe. Diese Entwicklung macht eine weitere Konsolidierung wahrscheinlich: von Zusammenschlüssen und Joint Ventures bis zum Ausbau von Allianzen.


Die Branchenprognosen von Euler Hermes basieren auf der Fachkompetenz der Kreditexperten und Analysten von Euler Hermes, die mit Hilfe lokaler Tochterunternehmen das Risiko von Unternehmen weltweit genau überwachen. Daraus ergibt sich eine qualitative Einschätzung einer Branche und ihrer Aussichten. Im Allgemeinen, wenn auch nicht in jedem Fall, inkludiert die Einschätzung eine Wachstumsprognose für die jeweilige Branche. Rentabilität und Liquidität werden aber höher bewertet als Umsatzwachstum.

PRISMA Kreditversicherungs-AG wurde 1989 gegründet. 2009 erzielte PRISMA 53 Mio. Euro Umsatz. PRISMA ist zu 100 % Tochter der OeKB EH Beteiligungs- und Management AG. Die Oesterreichische Kontrollbank AG hält 51 % der Managementholding, 49 % hält die Euler Hermes Kreditversicherung AG, Hamburg. Die Euler Hermes Gruppe ist Weltmarktführer in der Kreditversicherung und gehört zum Allianz-Konzern.
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